ZINN

Chthuluzän

LP

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Liebe Musiclover,

hatten wir bereits mit „Apocalypso“ und "Das Kapital"  zwei Vorabstücke ausgekoppelt, veröffentlichen wir heute mir "Die Dramaturgie des Nachmittags" die jüngste Single daraus - und kündigen zugleich das jüngste Album von ZINN, der Wiener Band um Margarete Wagenhofer, Lilian Kaufmann und Leonie Schlager an.

Es heißt "Chthuluzän" und erscheint am 09.02.2024 bei Staatsakt/Bertus.

Alles weitere erzählt uns Andreas Spechtl weiter unten im einem instruktiven Long Read.

"Die Dramaturgie des Nachmittags" wartet mit einem Gastauftritt der Geistesverwandten von International Music auf und gleitet, begleitet von majestätischen Bläsern, durch einen langweiligen Nachmittag: Als teilnahmslose Beobachter*innen sieht man der Welt zu, wie sie sich stetig spaltet in parallele Welten und Existenzen. Wüste da, Wüste dort und doch wartet an jedem Morgen ein neuer Tag, der lichterloh brennt. Hier ist das begleitende VIdeo zu sehen: https://youtu.be/hgvyLwxCqFs
"Die Dramaturgie des Nachmittags" feat. International Music auf YouTube

Die Lage ist ernst. Ausbeutung, Krieg, Überproduktion und Überbevölkerung zwingt unseren Planeten in die Knie. Doch nicht Technikoptimismus oder zynische Endzeitstimmung kann die Antwort sein, sondern unruhig müssen wir bleiben und uns von der alten, sehr männlichen und sehr weißen Erzählung lösen. So meint die US-amerikanische Philosophin Donna Haraway in ihrem einflussreichen Buch “Staying with the Trouble”. Hier wird auch zum ersten Mal die Zeit nach dem Anthropozän beschrieben, das Chthuluzän. Das Zeitalter des in sich verschlungen Seins der Arten und Geschöpfe. Denn wir werden nicht als Individuen überleben, sondern nur im „Mit-Werden“ mit anderen Kreaturen, schreibt Haraway: „Make kin, not babies“ ("Macht euch verwandt, nicht Babys”).Es geht darum, sich mit all den bedrohten Kreaturen, den „Kritter“, zu verschwistern, statt die menschliche Spezies durch unendliche Reproduktion zu vermehren. 

 „Chthuluzän“ ist auch der Titel der neuen Platte der Wiener Gruppe ZINN. Margarete Wagenhofer, Lilian Kaufmann und Leonie Schlager haben gemeinsam mit zahlreichen Feature-Acts und Musiker*innen ein neues Album aufgenommen, in dem sie sich mit großen neugierigen Augen durch diese neue Welt bewegen, in der der Mensch nur ein Geschöpf unter tausenden ist. Es beginnt hypnotisch schleppend mit dem komplett in Englisch gehaltenem Titelstück. Und gleich prominent mit einem neuen Instrument im Zinns‘schen Universum: Ein Synthesizer, der sich sehr elegant, als wäre er schon immer da gewesen, in das Gitarre-, Bass-, Drums-Trio eingliedert. Nach wenigen Minuten schon stört ein plötzlicher Break die Ruhe und das Lied wechselt unvermutet das Tempo. Margarete Wagenhofer singt von Spinnen, Korallen und Pilzen, ihren Kritter-Gefährt*innen, und klingt dabei nach Kate Bush, Nina Hagen und deiner besten Freundin auf Mushrooms gleichzeitig.

 i can see
i can hear
i can see a new world

Das thematische Vokabular der Platte wird vorgestellt: Linien, Verknüpfungen, Denken als Tentakel, das Leben als ein großes Fadenspiel in dem sich die Lebensformen ständig ineinander verknoten und weitergegeben werden.



Es folgt mit “Stirb Patriarchat, stirb!” der schamanisch beschwörende Abgesang auf ebenjenes. Doch was anfangs wie eine düstere und unheimliche Rache-Arie klingt, trägt bei genauerem Hinhören auch etwas Tröstliches in sich: 

vom bedürfnis der überlegenheit wirst du für immer befreit

Danke.

"Die Dramaturgie des Nachmittags" wartet mit einem Gastauftritt der Geistesverwandten von International Music auf und gleitet, begleitet von majestätischen Bläsern, durch einen langweiligen Nachmittag: Als teilnahmslose Beobachter*innen sieht man der Welt zu, wie sie sich stetig spaltet in parallele Welten und Existenzen. Wüste da, Wüste dort und doch wartet an jedem Morgen ein neuer Tag, der lichterloh brennt.

Ein anderer Schlüsselsong ist das pulsierende “Das Kapital”. Der spöttische Gesang schlängelt sich durch Synthesizer-Arpeggios, und es macht sich im Kopf eine Verwandtschaft zwischen Kraftwerk und Nina Hagen auf, von der man nicht wusste, dass es sie gab. Wenn dann die Snare einsteigt und die Musik peitschend vor sich hertreibt, träumt der Song im Ayahuasca-Rausch von Enno Morricone und der lähmenden kapitalistischen Symbiose:

spürst du das kapital?
es ist überall
du atmest es ein
es atmet dich aus

 Die Stimmen verlieren sich im Hall. Sie schreien, flüstern, krächzen. Und ja, man spürt das Kapital als Horrortrip in sich hochsteigen. Der Geschmack im Mund, die Blitze im Kopf. Die Pille ist stark, sie knallt ordentlich, aber es ist ein scheiß Rausch. Einer der Vereinzelung und Isolation. Einer gegen all das Getier, das mit uns koexistiert. Einer von dem es schnell wieder runterzukommen gilt. Cold Turkey im Chthuluzän. Denn es gibt noch ganz andere Räusche und Sinnesverdrehungen, die da auf uns warten, auf der anderen Seite des Menschseins.

 Es folgt das versöhnliche Lullaby “Maschine sag”. Ein Stück, das in letzter Konsequenz auch die Maschine, das inhumane Stück Technik, mit in den Familienkreis der verwandten Kreaturen aufnimmt und sie als Lebensform einfach mal ernst nimmt, nach ihrem Befinden und Problemen fragt. 

 I wanna dance with my AI friends

 Ein Schlaflied aus der Zukunft, in der wir alle leben. Transhumanismus als eine Form der Fürsorge für die Dinge um uns. Die am Ende auch nicht mehr Maschine sind, als wir selber. 
Im beschwörenden “Variationen” klingen Zinn dann fast wie Tocotronic in ihrer weißen Phase. Und sie stellen die über der Geschichte stehende Frage aller Fragen: 

 wie soll harmonie möglich sein
wie soll harmonie möglich sein
bei solch einem erbe

 Es wird die Antwort mit Donna Haraway gegeben: 

 Staying with the trouble. Unruhig bleiben.



Die Platte beschließt das fast schon versöhnliche Stück “Apocalypso”. Mit Julee Cruise-artigen ShoopShoop-Chören endet „Chthuluzän“ in dieser besonderen Ambiguität und Uneindeutigkeit, die diese Platte so bezaubernd macht. Zwischen Abgesang, kämpferischen Parolen, Versöhnlichkeit und Optimismus. Es wird hier nicht eine neue oder andere Welt besungen, nein, es ist immer noch die gleiche Welt, die in der wir alle leben. Aber wir lesen sie jetzt anders. Sie muss anders gelesen werden, wollen wir weiter auf ihr existieren. Koexistieren. Und so ist diese Apokalypse dann auch nicht das Ende der Welt, sondern bloß das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Es geht nicht um die Auslöschung alles Lebens, sondern um dessen Auflösung in etwas das viel mehr sein kann, als ein einziges kleines Leben unter anderen Lebendigen. Es verstrickt, verliebt und verknotet sich alles bis zur Unkenntlichkeit ineinander.

Und was sich beim ersten Hören oft wie eine flüchtig hingesungene Phrase anhört, eine kleine Melodie, unbedarft über die Musik gesungen, verwandelt sich nach ein paar Mal Hören in Hymnen, die sich unaufdringlich in der Welt festsetzen, die sie besingen. Zwischen den Blättern des Gummibaums im Wohnzimmer, in den Schubladen am Flur, in den Augen der Katze am Sofa, im Spinnennetz am Bücherregal. In den Straßen, auf Wegen und Wiesen, auf denen wir durch die Welt laufen. Überall begegnen sie einem wieder. Musik, die sich verbindet mit den Krittern, den Lebensformen um einen herum. Musik, die nicht allein sein will, nicht existieren kann, ohne sich zu verschwestern mit ihrer Umwelt. Und so auch ständig ihre Form wechselt, sich anpasst in Oberfläche und Farbe. Du wirst sie plötzlich überall entdecken. Immer wieder. An sonderbaren Orten, an denen zuvor keine Musik war. Du wirst sie nicht immer gleich wiedererkennen. Aber sie wird auf dich zukommen und dich auffordern zum Tanz:

 tanz den apocalypso
mit mir
tanz baby tanz
tanz cause the end is near
tanz baby tanz

 Und Jenny tanzt mit…

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Andreas Spechtl

 

 


Tourdaten:
15.12.23 AT-Salzburg, ARGE
28.03.24 AT-Wien, Fluc (Album Releaseshow)
04.04.24 AT-Kirchdorf
wird fortgesetzt

Tracklisting:
01 – Chtulucene
02 – Stirb Patriarchat Stirb!
03 – Die Dramaturgie des Nachmittags
04 – Limoncello
05 – Das Kapital
06 – Maschine sag
07 – Es ist
08 – Variationen
09 – Die Seeräuberjenny
10 – Apocalypso

Web:
https://linktr.ee/zinnband

"Die Dramaturgie des Nachmittags" auf YouTube: 
https://youtu.be/hgvyLwxCqFs

“Das Kapital” auf YouTube:
https://youtu.be/zdyPSASNj-E

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